Ökumenisches
Jugendprojekt Mahnmal
Bericht von Martin Delfosse
Am
15.Juni 2010
fand die Informationsveranstaltung zum Leimener Mahnmal-Projekt im
Rosesaal statt, der immerhin mindestens bis zur Hälfte
gefüllt war. Oberbürgermeister Wolfgang Ernst
begrüßte die Gäste und zeigte sich erfreut
darüber, dass dank des Engagements von drei
Schülerinnen der
Geschwister-Scholl-Schule St.Ilgen dieses Mahnmal-Projekt nun auch in
Leimen durchgeführt wird.
Die
drei
Initiatorinnen des Mahnmal-Projekts wurden dann von ihrem Klassenlehrer
und Projektbetreuer Herrn Delfosse näher vorgestellt.
Katharina
Belman, Anastasia Gammermajster und Sabina Kinderknecht haben sich
während ihrer Projektprüfung in der 9.Klasse mit dem
Thema
„Judenverfolgung zur Zeit des Nationalsozialismus“
beschäftigt. Im Verlauf dieses Schulprojektes haben sie sich
dazu
entschlossen zusätzlich in ehrenamtlicher Arbeit dieses
Mahnmal-Projekt durchzuführen. Sie sind in Leimen auf
Spurensuche
gegangen nach den jüdischen Mitbürgern, die am
22.Oktober
1940 aus Leimen nach Gurs in Südfrankreich verschleppt wurden.
Ein
solch couragierter Einsatz von 15-jährigen Jugendlichen ist
bewundernswert und verdient höchste Anerkennung.
Ehe
die drei
Jugendlichen ihre Rechercheergebnisse mit einer
Powerpoint-Präsentation vorstellten, erläuterte Herr
Jürgen Stude, der Landesjugendreferent der badischen
Landeskirche,
der mit einer katholischen Kollegin dieses Projekt landesweit betreut,
die Hintergründe dieses Mahnmal-Projekts und ging dabei auch
auf
den historischen Vorgang der Deportation im Oktober 1940 ein:
Die
damaligen
NS-Gauleiter von Baden und der Saarpfalz veranlassten am 22.Oktober
1940 die Ausweisung der jüdischen Bevölkerung aus
ihrem
Herrschaftsbereich nach Frankreich, um ihre Gaue als erste im Deutschen
Reich als „judenfrei“ erklären zu
können. Rund
6000 Personen wurden mit neun Sonderzügen der Reichsbahn in
das
Lager Gurs interniert. Das mit Stacheldraht umzäunte Lager
hatte
weder sanitäre Anlagen noch Trennwände oder
Fensterglas und
etwa 60 Menschen wurden in einer Baracke zusammengepfercht. Seuchen,
Kälte, fehlende Nahrungsmittel und Medikamente forderten in
den
Wintermonaten von November 1940 bis April 1941 viele Tote.
Aus
insgesamt
137 badischen Gemeinden wurden die jüdischen
Mitbürger
verschleppt. In jedem der Deportationsorte sollen Jugendliche sich mit
der Geschichte ihres Ortes auseinandersetzen und zwei Gedenksteine
gestalten, so die Idee des Jugendprojektes. Einer der beiden Steine
erhält einen angemessenen Ort in der jeweiligen Gemeinde, der
andere wird Teil des zentralen Mahnmals in Neckarzimmern. Zum
70.Jahrestag der Deportation werden dort am 17.Oktober 2010 um 14 Uhr
im Rahmen einer öffentlichen Gedenkfeier weitere
Steine
eingeweiht, darunter auch ein Stein aus Leimen.
Die
drei
Schülerinnen eröffneten ihre Präsentation
mit einem
kurzen geschichtlichen Überblick über die
jüdische
Gemeinde in Leimen und ihre Synagoge auf dem Rathausplatz, die ca. 1905
abgerissen wurde. Danach folgte eine Fülle an Bildern und
Dokumenten von den aus Leimen deportierten vier jüdischen
Mitbürgern, Hugo und Karolina Mayer, Karoline und Selma
Bierig,
die alle in der damaligen Rohrbacherstr. 2, dem heutigen Anwesen der
Familie Riehm wohnten. Darunter waren sowohl Briefe aus dem Jahr 1939
aus Leimen, als auch Briefe von 1940-1942 aus den Internierungslagern
Gurs und Noe. Die Schülerinnen gelangten in den Besitz dieser
aufschlussreichen Dokumente, nachdem sie Nachfahren der aus Leimen
verschleppten Juden in Amerika ausfindig machen konnten. Am 27.Januar
2010, dem Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus,
gelang ihnen die Kontaktaufnahme, die für alle Beteiligten
sehr
bewegend war.
Von
den
Schülerinnen wurden dann ausgewählte Zitate aus den
Briefen
vorgetragen. Die Zeilen aus Leimen aus dem Jahre 1939 zeigen doch sehr
deutlich, dass wie überall in Deutschland auch die Situation
der
Leimener Juden durch Unterdrückung und Ausgrenzung
gekennzeichnet
war. In den Briefen aus dem Lager Gurs und Noe spiegelt sich sowohl die
Not, die in diesen Lagern herrschte, als auch die Hoffnung, an der Hugo
und Karolina Mayer bis zum Ende ihres Lebens festgehalten haben. Die
letzten Zeilen, die uns von Hugo Mayer in einem Brief vom
30.März
1941 erhalten sind, lauten: „Meine große Freude ist
es nur
die von euch zu erfahren das es Euch allen gut geht gesund und munter
seid gut zusammen auskommt und mein einziger Wunsch ist nur Euch allen
liebe Kinder gesund zu treffen zu sehen zu sprechen … wenn
es
Gott will so wird es noch in Erfüllung kommen.“ Er
starb zu
Beginn des Jahres 1942, er wurde 78 Jahre alt. Die letzten Zeilen, die
uns von Karolina Mayer in einem Brief vom 9.September 1942 erhalten
sind, lauten: „Hoffe doch daß es Euch gut geht und
Ihr
glücklich und zufrieden miteinander seid. Mir selbst geht es
gesundheitlich gut. Glaube nun ziemlich sicher, daß ich nun
vorerst hier bleiben kann. … So Gott will wird das neue Jahr
zum
Frieden führen und seit für heute noch herzlich
gegrüßt und geküsst von Eurer
Mutter.“ Karolina
Mayer wurde bald darauf von Noe nach Auschwitz verschleppt und wurde
dort ermordet. Sie wurde 63 Jahre alt.

Zur
Zeit des
früheren Oberbürgermeisters von Leimen Herbert Ehrbar
gab es
laut Informationen der jüdischen Nachfahren in Amerika einen
sehr
langen Briefwechsel zwischen den Kindern von Hugo und Karolina Mayer
und der Stadt Leimen, in dem die Kinder darum baten, dass man in Leimen
in geeigneter Weise ihrer Eltern gedenkt. Die Stadt Leimen hatte
offenbar große Schwierigkeiten diesem Wunsch zu entsprechen.
Jedenfalls entschied man sich am Ende dazu, dass in St.Ilgen der Platz
vor der alten Zigarrenfabrik zum Hugo-Mayer-Platz ernannt wurde und an
der Zigarrenfabrik eine Gedenktafel angebracht wurde. Wahrscheinlich
wurde dieser Ort aufgrund der Namensgleichheit mit den
früheren
Inhabern der Zigarrenfabrik, den Gebrüdern Mayer
ausgewählt,
die allerdings aus Mannheim kamen und mit Hugo Mayer nichts zu tun
hatten. Hugo Mayer war stattdessen von 1899 – 1918 der
Besitzer
der Bergbrauerei Leimen.
Die
Präsentation der Schülerinnen endete
schließlich mit
einem Spendenaufruf zur Finanzierung der Gedenksteine. Sie haben vor
die Gedenksteine so zu gestalten, dass die in den Briefen zum Ausdruck
kommende Hoffnung sich symbolisch widerspiegelt. Wer dieses
Mahnmal-Projekt unterstützen möchte, kann gerne auf
das Konto
der Evangelischen Kirchengemeinde Leimen bei der Volksbank Wiesloch
etwas überweisen. Bitte geben Sie unbedingt als
Verwendungszweck
das Stichwort „Mahnmal“ an, damit Ihre Spende
richtig
zugeordnet werden kann.
Zur
Finanzierung der Gedenksteine bitten wir um Spenden!
Spendenkonto:
| Empfänger:
|
Ev.
Kirchengemeinde Leimen |
| Konto-Nr.: |
200417 |
| BLZ: |
672 922 00
Volksbank Wiesloch |
| Verwendungszweck: |
Mahnmal |
In
Gesprächen rund um die Informationsveranstaltung begegnete mir
mitunter die Auffassung „Kann man dieses Thema nicht
irgendwann
auf sich beruhen lassen?“ Ich denke, dass jede Generation
aufs
Neue sich diesem Thema stellen muss. Damit die Opfer nicht in
Vergessenheit geraten, kann es keine Alternative geben zu diesem
Erinnern und Gedenken, so schmerzhaft und unangenehm dies auch sein
mag, dass auch in Leimen, also vor der eigenen Haustüre sich
die
Verfolgung der Juden abspielte.
Wie
sieht es mit dieser Erinnerungsarbeit in Leimen aus?
Jugendliche
haben
den Anfang gemacht und eine öffentliche Aufarbeitung dieses
dunklen Kapitels der Ortsgeschichte Leimens begonnen. Viele unbequeme
Fragen sind jedoch unbeantwortet geblieben! Mögen die
Gedenksteine
nicht nur an die Opfer erinnern, sondern uns alle mahnen, dass die
Erinnerungsarbeit vor Ort in Leimen weitergehen und tiefer gehen muss!